Literatur


Dr. Katharina Dutz

Reparatur als soziale Praxis der Resilienz und Integration

Laut dem Bericht des Uno-FlĂŒchtlingswerks sind derzeit 65 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Armut, Umweltzerstörung und Wassermangel (vgl. UNHCR 2016). Diese Eskalation unterstreicht die UnfĂ€higkeit moderner Gesellschaften, Strategien fĂŒr eine globale Gerechtigkeit zu entwickeln, die allen Menschen ein Mindestmaß an WĂŒrde und Sicherheit ermöglicht und sie in die Lage versetzt, in ihrer Heimat ihre Zukunft zu sehen.

Asylsuchende, die auf der Flucht vor Hunger und Vertreibung nach Deutschland gelangt sind, streben nicht nur nach Schutz und basaler materieller Ausstattung, sondern ebenso danach, ihr GrundbedĂŒrfnis nach Kompetenz, Autonomie und sozialer Eingebundenheit (Deci/ Ryan 2002, Krapp/Ryan 2002) zu befriedigen. Autonomie heißt in ihrem Fall, sich als Ursache ihres Handelns sowie weitgehend unabhĂ€ngig von staatlicher Hilfe zu erleben. Dieses Streben geht einher mit der Wahrnehmung von Kompetenz, die entsteht, wenn sich FĂ€higkeiten und Fertigkeiten zur Lösung aktueller Probleme als wertvoll und nĂŒtzlich erweisen. FĂŒr GeflĂŒchtete ist es sehr schwierig, diese BedĂŒrfnisse aus eigener Kraft zu befriedigen. Ohne ausreichende Kenntnis der Sprache sowie der Eigenheiten der Kultur des Ziellandes, ohne sozialen Anschluss und beraubt der Möglichkeit, selber den Lebensunterhalt zu bestreiten, kann von einem GefĂŒhl sozialer Eingebundenheit genauso wenig die Rede sein, wie von der Möglichkeit einer autonomen Gestaltung ihrer Zukunft. Denn das GefĂŒhl sozialer Eingebundenheit umfasst nicht nur, von anderen Menschen und bedeutsamen Gruppen wahrgenommen und akzeptiert zu werden, sondern auch, fĂŒr andere Menschen sorgen zu können und von anderen umsorgt zu werden.

 

Selbstbestimmung als Grundlage gelingender Integration

Wenn in Anbetracht der physischen und psychischen Notlagen von GeflĂŒchteten nach Wegen gesucht wird, diesen heimatlosen Menschen ein GefĂŒhl der WertschĂ€tzung zu vermitteln, sollte in Erinnerung gerufen werden, dass letztlich auch die abgesicherten Bewohner nördlicher Konsumgesellschaften einen zunehmenden Verlust an Kompetenz, Autonomie und sozialer Eingebundenheit erleiden – allerdings nicht, weil es an materiellen Ausstattungen fehlt, sondern infolge eines „Zuviel von allem“. Die Überflutung mit Konsumoptionen und Ereignissen droht latent, all das zu entwerten oder auszublenden, was nicht der Selbstoptimierung oder einem Maximum an vermeintlichem Genuss dient. StĂ€ndig in Sorge, den fortlaufend anspruchsvolleren Wohlstandsdiktaten nicht zu genĂŒgen, verlieren sich immer mehr Menschen in einem Strudel von WĂŒnschen, Verlockungen und Möglichkeiten. Digitale und sonstige KommunikationskanĂ€le vermitteln bestĂ€ndig neue „must haves“, die zeitaufwĂ€ndig zur Kenntnis genommen und ĂŒber die entschieden werden muss. Schließlich fĂŒhrt sogar die Notwendigkeit der Entscheidung, etwas nicht in Anspruch zu nehmen, zu Stress.

Weil das Leben in der westlichen Welt mit derart vielen Informationen, Angeboten, Nachrichten, Produkten, Dienstleistungen, MobilitĂ€t und Ereignissen verdichtet ist, wird es auch zunehmend schwierig, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. FĂŒr eine kritische Reflexion der Ursachen, Bedingungen und Folgen von Ereignissen und VerĂ€nderungen mĂŒssen jedoch nicht nur Zeit und Aufmerksamkeit investiert werden, sondern auch die Bereitschaft zur ÜberprĂŒfung eigener, lieb gewordener Überzeugungen vorhanden sein, denn die Entwicklung eines moralischen Urteilsvermögens sowie entsprechender Normen und Werte lassen sich nicht delegieren. Diese FĂ€higkeit des Menschen, durch Lernprozesse eine relativ stabile VerĂ€nderung des Denkens, FĂŒhlens und Verhaltens durch Einsicht und Erfahrung herbeizufĂŒhren, ist die Voraussetzung fĂŒr ein reflektiertes VerhĂ€ltnis zu sich und zu der Welt. Dies wird allgemein unter dem Begriff der Bildung verstanden, wobei dieser sich nicht auf einen Kanon kulturell bedeutsamen Wissens und auf die Vermittlung formaler FĂ€higkeiten beschrĂ€nkt. Vielmehr zielt er auf die Erschließung neuer Wahrnehmungskategorien und Handlungsmöglichkeiten, um vermeintliche NormalitĂ€t und NormativitĂ€t kritisch zu hinterfragen (vgl. Fischer 2014).

WĂ€hrend die Menschen im Konsumwohlstand sich mĂŒhsam durch ein Dickicht konkurrierender LebensentwĂŒrfe schlagen und kognitive Dissonanzen aller Art abwehren mĂŒssen, um eine halbwegs konsistente Ich-IdentitĂ€t in Hinblick auf die Folgen ihres Handelns aufrecht erhalten zu können, bleibt den GeflĂŒchteten keine andere Wahl, als sich mit der Frage zu befassen, wie sie ihre kulturelle IdentitĂ€t mit den Normen und Werten westlicher Konsumgesellschaften vermitteln können.

Die Lage der Menschen, die alles verloren haben, und derjenigen, die am Überfluss kranken, könnte also unterschiedlicher nicht sein. Deshalb wĂ€ren soziale Praktiken und Bildungsangebote von Interesse, die aus diesen diametral unterschiedlichen Blickrichtungen als attraktiv wahrgenommen werden könnten, weil sie Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Resilienz sowohl fĂŒr die Unter- als auch die Überversorgten ermöglichen. Eine Handlungs- und zugleich VerstĂ€ndigungsebene, der sich die einen durch Integration und verbesserte Teilhabe und die anderen durch eine Befreiung vom Überfluss nĂ€hern können, lĂ€ge in der Etablierung und Nutzung subsistenter Praktiken (Paech 2012). Hier können Lernprozesse in Gang gesetzt werden, die Antworten auf globale DisparitĂ€ten geben und zugleich Momente der Selbstbestimmung ermöglichen.

 

Selbstwirksamkeit  und Resilienz durch Reparaturpraktiken

Die Logik der Konsumgesellschaft verlangt danach, dass alles bequem und vorgefertigt ohne eigene Leistung abgerufen werden kann, um möglichst viele Dinge in ein Menschenleben integrieren zu können. Aber damit bleibt kein Raum fĂŒr eigene Gestaltung oder das Erfolgserlebnis, ein Objekt eigenhĂ€ndig erschlossen zu haben. WĂ€hrend die Reparatur seit Menschengedenken und bis vor wenigen Jahrzehnten noch ein bildungsrelevanter Bereich und die Sorge fĂŒr eine maximale Nutzungsdauer selbstverstĂ€ndlich waren, sind sie heute weder im Bewusstsein von Kindern und Jugendlichen und selten in dem von Erwachsen prĂ€sent. Dies gilt auch fĂŒr FĂ€higkeiten und Fertigkeiten, die ĂŒber eine bloße Kenntnis der Bedienung von Produkten hinausgehen. Um im Falle der ReparaturbedĂŒrftigkeit die Konstruktionsweise des GerĂ€tes hinreichend zu durchdringen und die Funktion wiederherstellen zu können, sind technisches Wissen, manuelles Geschick, Erfahrung und Konzentration vonnöten. Dass sich durch die Auseinandersetzung mit dem Gegenstand das VerhĂ€ltnis zwischen Subjekt und Objekt neu darstellt, hat schon Goethe festgestellt: „Was du ererbt von deinen VĂ€tern hast, erwirb es, um es zu besitzen“ (Goethe 1808).

Repair CafĂ©s sind Orte, an denen eingeĂŒbt werden kann, wie man sich dem Schicksal eines „belieferungsbedĂŒrftigen MĂ€ngelwesens“ (Illich 1973) zumindest teilweise entziehen kann, indem aus Herrschaftswissen Gemeinschaftskönnen generiert wird. Erfahrungswissen spielt hier eine besondere Rolle, denn als hochentwickelte Form des Handlungswissens integriert diese Form des Wissens sowohl explizite und implizite Aspekte. Es entsteht aus der praktischen TĂ€tigkeit selbst, aber auch aus der Reflexion ĂŒber Erfolge und Fehler, die aus dem Prozess einer Handlung erwachsen. Es setzt sich zusammen aus SinneseindrĂŒcken und Erfahrungen, aber auch aus emotionalen und/oder rationalen Bewertungen, die sich aus moralischen und ethischen Implikationen speisen. Unsere subjektive Wahrnehmung, unser Wissen, aber ebenso unsere manuellen FĂ€higkeiten und Fertigkeiten prĂ€gen unser FĂ€higkeitsselbstkonzept und damit unsere Überzeugung, unser Wissen und unsere Kenntnisse sinnstiftend anwenden zu können. EvolutionĂ€r betrachtet ist die Erfahrung der SchlĂŒssel zur Erkenntnis. Sennett (2014) vertritt die Auffassung, dass selbst die abstraktesten Fertigkeiten mit körperlicher Praxis beginnen. Handwerkliches Geschick und die FĂ€higkeit, technischen Problemen auf den Grund zu gehen, können jedoch nicht vereinfacht oder rationalisiert werden. Sie zu erwerben, erfordert Zeit und Geduld. Das Fertigen oder das Reparieren eines Gegenstands, und damit verbunden das Durchdringen des Problems, entspricht dem GefĂŒhl, „etwas erfasst zu haben“. Das geistige Erfassen eines Problems sowie dessen Reflexion ĂŒber die dahinterliegende Bedeutung lassen sich jedoch nur durch beharrliches Üben erreichen (vgl. Sennet 2014). Jeder Versuch, diesen Prozess der Aneignung abzukĂŒrzen, indem alle Fehlerquellen und nicht zielfĂŒhrenden Verfahren im Vorfeld ausgeschlossen werden, eliminiert zugleich auch die Möglichkeit von RĂŒckmeldung aus Handlungen, die sich als nicht zielfĂŒhrend herausstellen. In derartigen VorgĂ€ngen liegt das Potenzial der Gewinnung von Autonomie durch eine Eigenleistung. Um dieses Ziel zu erreichen, muss Sennett zufolge „der Arbeitsprozess dem ordnungsliebenden Geist etwas Unangenehmes antun – er muss ihm zumuten, sich zeitweilig auf chaotische ZustĂ€nde einzulassen: auf falsche Wege, verpatzte AnfĂ€nge und Sackgassen. Aber in Wirklichkeit ist dieses Durcheinander [
] weit mehr als bloßes Chaos“ (Sennett 2014, S. 216). Aus sozialen Praktiken, die sich aus Such- und AnnĂ€hrungsprozessen speisen, können neue Handlungsroutinen erwachsen. Denn das BedĂŒrfnis nach Kompetenz ist nicht nur mit dem Erreichen bestimmter Fertigkeiten und FĂ€higkeiten verknĂŒpft, sondern auch mit GefĂŒhlen des Selbstvertrauens und der Selbstwirksamkeit (vgl. Krapp und Ryan 2002).

 

Die Wiederbelebung der Reparatur – eine postwachstumstaugliche Form der Integration

In Repair CafĂ©s kann eine genĂŒgsame und damit postwachstumstaugliche Variante authentischen Austauschs gelebt werden, in denen Formen der Selbstvergewisserung ĂŒber die NutzungsdauerverlĂ€ngerung von Artefakten erprobt werden. Die hier vermittelte UnterstĂŒtzung zur Selbsthilfe sowie der Erfahrungsaustausch befördern mehr als das EinĂŒben von Reparaturkompetenzen. Menschen anderer Kulturen bietet sich hier die Möglichkeit, handwerkliche Kompetenzen einzubringen und weiterzugeben, die in Deutschland lĂ€ngst verlernt wurden. Damit werden Repair CafĂ©s zu Orten, an denen GeflĂŒchtete ihre FĂ€higkeiten und Kenntnisse einbringen können. Deren kĂŒnstlerischen und handwerklichen FĂ€higkeiten reichen von kreativer Wiederverwertung ausrangierter Materialien und selbst gefertigter Objekte bis hin zur semi-professionellen Marke „Eigenbau“. Talente unterschiedlicher Natur können hier zur Geltung kommen, weil ein möglichst großes Spektrum an ZugĂ€ngen zur Lösung von Problemen als notwendig anerkannt werden kann. So wird vormals bemitleidete „RĂŒckstĂ€ndigkeit“ in einen Beitrag zum Gelingen wachstumskritischer Nachhaltigkeitspraxis umgewertet. Dies enthebt die GeflĂŒchteten zumindest partiell des Status‘ von Bittstellern und trĂ€gt zu einem Dasein in WĂŒrde bei.

Die VerstĂ€ndigung anhand der zu lösenden Reparaturaufgabe, denen sich Menschen verschiedener kultureller HintergrĂŒnde in Repair CafĂ©s widmen, mindert Sprachbarrieren oder löst sie gar im Sinne einer „Doing Culture“ auf. Selbst wer kein einziges Wort der Sprache seines GegenĂŒbers versteht, kann sich durch das Hantieren oder materielle Arbeiten mit bzw. an einem Gegenstand verstĂ€ndlich artikulieren. Der Gebrauch von Werkzeugen und die sachgerechte Anwendung lassen sich durch Demonstration und Übung vorfĂŒhren und erlernen. Dies erspart nicht, Menschen einzubinden, die der Sprache der GeflĂŒchteten mĂ€chtig sind, um sie darin zu unterstĂŒtzen, erste HĂŒrden der Kontaktaufnahme zu ĂŒberwinden. Schließlich sollen Gemeinschaften hergestellt werden. Die Freude ĂŒber einen gemeinsam erreichten Reparaturerfolg und eine damit – wenngleich zunĂ€chst nur punktuelle – hergestellte soziale Einbindung konstituiert einen Kontrapunkt zu jener dominanten Kultur, die durch Konkurrenz und marktfĂ€hige Leistungen geprĂ€gt ist. Der einladende Charakter von Repair CafĂ©s bietet die Chance, FlĂŒchtlinge eine solidarische und wertschĂ€tzende Dimension der europĂ€ischen Kultur erleben zu lassen. Ein interkultureller Austausch rund um die Reparatur kann Menschen mit europĂ€ischem Hintergrund ĂŒberdies in die Lage versetzen, Konsum- und BewertungsmaßstĂ€be neu zu justieren.

Insbesondere in gemeinschaftlich ausgerichteten Prozessen ist dieses Moment wesentlich. Das Empfinden, in einer sozialen Gruppe wahrgenommen und wertgeschĂ€tzt zu werden, befördert die Motivation und das Streben, einen eigenen Beitrag beizusteuern. Das Erleben sozialer Eingebundenheit bildet eine Klammer fĂŒr den Transfer von Erfahrungen, die eine Gemeinschaft in die Lage versetzt, aus Erfahrungen neue Erkenntnisse zu generieren.

Das Erleben von Autonomie und Kompetenz in einer sozialen Gemeinschaft ist ĂŒberdies die beste Voraussetzung fĂŒr die Bereitschaft, Verantwortung fĂŒr die Gemeinschaft zu ĂŒbernehmen und diese Praktiken in die Gesellschaft zu tragen.

 

Repair CafĂ©s in Oldenburg – kultur- und generationenĂŒbergreifende Lernorte  

Mit GrĂŒndung des ersten Repair CafĂ©s (repaircafeoldenburg.org) in Oldenburg durch Niko Paech, Katharina Dutz und Maja Bergmann im Jahr 2013, das zunĂ€chst in der stadtbekannten Szenekneipe „Polyester“ einen Ort gefunden hatte, wurden GeflĂŒchtete eingeladen, ihre Fertigkeiten einzubringen. Diese Einladungen wurden zögerlich angenommen, konnten sich jedoch nicht verstetigen. Mit dem Umzug in ProberĂ€ume des Staatstheaters Oldenburg verhandelten Schauspieler und Reparateure ĂŒber zwei Spielzeiten hinweg das VerhĂ€ltnis von darstellender Kunst und Postwachstumsökonomie unter dem Motto „Gemeinsam weniger erreichen“( https://www.youtube.com/watch?v=8tPPHaGk1PY ). Mit dem Umzug in die „Werkschule“, die ihren Schwerpunkt auf bildende Kunst und Kultur legt, sollen nun Gemeinsamkeiten zwischen bildender Kunst und Reparaturkultur ausgelotet sowie ein erneuter Anlauf zur Integration von geflĂŒchteten Menschen unternommen werden. Da die Werkschule ihrerseits Projekte initiiert, die zu lĂ€nderĂŒbergreifendem kulturellen Austausch einladen, bieten sich hier neue Möglichkeiten. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben allerdings gezeigt, dass die Offenheit eines Repair CafĂ©s alleine nicht ausreicht, um einen kontinuierlichen und regen Austausch zu realisieren. Vielmehr zeigt sich, dass sprachliche und kulturelle Barrieren dem aktiven und selbstverstĂ€ndlichen Austausch offensichtlich Grenzen setzen. Deshalb wird nun gemeinsam mit der Stadt angestrebt, ein weiteres Repair CafĂ© in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer FlĂŒchtlingsunterkunft einzurichten mit dem Ziel, zunĂ€chst ein niederschwelliges Angebot zu machen, um in einem quasi geschĂŒtzten Rahmen eine Vertrauens- und Austauschbasis zu schaffen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass insbesondere die Reparatur von FahrrĂ€dern, die in der NĂ€he von FlĂŒchtlingsunterkĂŒnften angeboten wurde, dankbar angenommen wird und daher geeignet ist, um BrĂŒcken der Kommunikation zu bauen.

Parallel zu diesen BemĂŒhungen grĂŒndete sich ein zweites Repair CafĂ© in der Stadt. SchĂŒlerinnen und SchĂŒler der Integrierten Gesamtschule Oldenburg/KreyenbrĂŒck (igs-kreyenbrueck.de/reparieren-statt-wegwerfen-jetzt-auch-kreyenbrueck) organisieren seit 2016 in den RĂ€umen der Kirchengemeinde Osternburg im Rahmen des Faches „Lernen durch Engagement“ ein Repair CafĂ© und wurden damit im FrĂŒhjahr 2017 Gewinner des bundesweiten „Service-Learning-Wettbewerb“ (Stiftung Aktive BĂŒrgerschaft 2017) m Rahmen dieses Faches engagieren sich die Lernenden eigenstĂ€ndig in einem sozialen Projekt. SchĂŒlerinnen und SchĂŒler der Jahrgangsstufen 7 und 8 grĂŒndeten ein Repair CafĂ© mit UnterstĂŒtzung ihres Lehrers sowie der Technischen Bildung der UniversitĂ€t Oldenburg. Dieses Repair CafĂ© stellt einen diffusionsoffenen Raum zwischen formaler Bildung, ehrenamtlichem Engagement und Gemeinwesen dar. Die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler wurden in der Fahrradreparaturwerkstatt der Schule zunĂ€chst fachlich auf ihren Einsatz im Repair CafĂ© vorbereitet und richteten im Anschluss unter Mitwirkung von Ehrenamtlichen den neuen Standort ein. Einmal im Monat reparieren sie dort FahrrĂ€der, versorgen die GĂ€ste mit Kaffee und Kuchen, nehmen AuftrĂ€ge an und leiten diese an die Reparateure weiter. Syrische SchĂŒler der Sprachlernklasse nĂ€hen selber und erlernen die Reparatur ihrer FahrrĂ€der. Unbegleitete geflĂŒchtete Jugendliche einer nahegelegenen Unterkunft brachten ihre FahrrĂ€der zur Instandsetzung und halfen bei der Reparatur ihrer RĂ€der. Lehramtsstudierende des Faches Technik unterstĂŒtzen das Repair CafĂ©, indem sie Upcycling-Projekte im Rahmen eines Seminars entwickelten und diese anschließend im Repair CafĂ© anboten. So hatten die GĂ€ste beispielsweise Gelegenheit zu lernen, wie ein Computer gereinigt wird oder wie aus normalen Taschenlampen LED-Lampen werden (https://www.youtube.com/watch?v=jllYOJAVWZo ).

Mit diesem Projekt werden Möglichkeiten ausgelotet, die Trennung zwischen Symbolwelten und „erster Wirklichkeit“ (Gudjons 2008) aufzuheben. Konkrete und authentische Erfahrungen, die sich aus der Auseinandersetzung mit dem zu reparierenden Gegenstand ergeben, die tĂ€tige Aneignung von Reparaturwissen sowie der Dialog mit Besuchern und Besucherinnen des Repair CafĂ©s ließen einen Prozess entstehen, in dem das Denken aus dem Handeln hervorgeht und ordnend auf dieses zurĂŒckwirkt (Gudjons 1998). Dieser Ansatz beschrĂ€nkt sich nicht auf Nachhaltigkeitspraktiken wie die Reparatur, sondern umfasst auch das Engagement zur Integration von GeflĂŒchteten, denn die Jugendlichen schaffen mit diesem Repair CafĂ© in ihrem Quartier einen Ort, an dem GeflĂŒchtete sich in die Gemeinschaft einfinden können. Wenn die SchĂŒler beispielsweise dabei helfen, GeflĂŒchteten zu vermitteln, wie einfache Reparaturen selber ausgefĂŒhrt werden können, verbindet sich die Erlangung von Selbstwirksamkeit mit dem Erwerb von Erfahrungswissen fĂŒr beide Seiten. WĂ€hrend das in der Schule erworbene Wissen nur noch selten Wirksamkeitserfahrungen auslöst, trĂ€gt das praktische Lernen im Repair CafĂ© zu einer RĂŒckbesinnung auf resiliente Praktiken bei. Denn die aus der gemeinsamen Reparatur sowie aus der damit verbundenen sozialen Interaktion entstehende Bildung folgt nicht einer vorgegebenen Handlungsanleitung, sondern aus dem zu lösenden Problem. Diskurs und Übung, fĂŒr die Zeit, Geduld und Konzentration benötigt werden, erhalten in diesen LernrĂ€umen den ihnen gebĂŒhrenden Platz. Erfahrungswissen, das im schulischen Kontext in der Regel keine besondere Beachtung erfĂ€hrt, wird hier akzentuiert. WĂ€hrend sich die westliche Bildungsauffassung hauptsĂ€chlich auf formales, systematisches und explizierbares Wissen bezieht, das sich in Worten, Zahlen oder Formeln ausdrĂŒcken lĂ€sst, kommt in Prozessen, die komplexe Themen berĂŒhren, dem impliziten Wissen eine enorme Bedeutung zu. Dieses Wissen ist nur bedingt mitteilbar und grĂŒndet sich in der TĂ€tigkeit, der Intuition, der Erfahrung und in den emotional gewussten Werten und Normen, denn Menschen wissen mehr als sie sagen oder beschreiben können (Polyani 1985). Dies gilt sowohl fĂŒr diejenigen, die in unserer Kultur zuhause sind als auch fĂŒr diejenigen, die es werden wollen.

Das Repair CafĂ© in KreyenbrĂŒck ist mittlerweile zu einem Ort konkreter Hilfe und VerstĂ€ndigung geworden. Dieser Stadtteil ist bunt, heterogen und interessant, aber zugleich auch ein sozialer Brennpunkt. Dass das Repair CafĂ© sukzessive zu einem Treffpunkt des Stadtteils geworden ist, macht deutlich, dass die RĂŒckbesinnung auf die Reparaturkultur Menschen unterschiedlicher Kulturen und SprachrĂ€ume sowie verschiedener Generationen verbinden kann.

Um die unterschiedlich ausgerichteten Repair CafĂ©s in Oldenburg zu verstetigen und weitere zu grĂŒnden, wurden Projektmittel der nationalen Klimaschutzinitiative „Kurze Wege fĂŒr den Klimaschutz“ des Bundesministeriums fĂŒr Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) beantragt. Die Mittel sollen genutzt werden, um die Repair CafĂ©s organisatorisch zu unterstĂŒtzen, inhaltlich auf die jeweiligen Schwerpunkte auszurichten und miteinander zu verknĂŒpfen mit dem Ziel, sie in den Quartieren zu verankern und zu einem selbstverstĂ€ndlichen Teil des stĂ€dtischen Lebens zu machen, denn die Notwendigkeit einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Lebensweise macht es unabdingbar, achtsam und kreativ mit den vorhandenen Ressourcen umzugehen. Repair CafĂ©s sind ein Teil dieses Plans.

 

Literatur

Deci, E. L.; Ryan, R. M. (2002): Handbook of Self-Determination Research, University of Rochester Press.

Fischer, D. (2013): Bildung im Zeichen der globalen Konsumherausforderung:

Grundlagen schulischer Bildungskonzepte zur Förderung nachhaltigen Konsums, in

Michelsen, G.; Fischer D. (Hrsg.) Nachhaltig konsumieren lernen: Ergebnisse aus dem Projekt BINK „Bildungsinstitutionen und nachhaltiger Konsum“, VAS Verlag fĂŒr Akademische Schriften, Bad Homburg, S. 25-70.

Goethe, J. W. (1808): Faust. Der Tragödie erster Teil, J. G. Cotta, S. 50.

Gudjons, H. (1998): Didaktik zum Anfassen: Lehrer/in-Persönlichkeit und lebendiger Unterricht, 2. Aufl., Klinkhardt.

Gudjons, H. (2008): Handlungsorientiert lehren und lernen, 7. Aufl., Klinkhardt.

Illich, I. (1973/2011): Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik, MĂŒnchen.

Krapp, A.; Ryan, R. (2002): Selbstwirksamkeit und Lernmotivation, in: Jerusalem, M.; Hopf, D. (Hrsg.) (2002): Zeitschrift fĂŒr PĂ€dagogik. Selbstwirksamkeit und Motivationsprozesse in Bildungsinstitutionen, (44), S. 54-82.

Paech, N. (2008): RegionalwĂ€hrungen als Bausteine einer Postwachstumsökonomie, in: Zeitschrift fĂŒr Sozialökonomie 45/158-159, S. 10-19.

Paech, N. (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, MĂŒnchen.

Polanyi, M. (1985): Implizites Wissen, Suhrkamp Verlag.

Sennet, R. (2014): Handwerk, 5. Aufl., Berlin Verlag.

Stiftung Aktive BĂŒrgerschaft: http://www.aktive-buergerschaft.de/aktive_buergerschaft

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Konsumkritische Projekte und Praktiken, InterdisziplinÀre Perspektiven auf gemeinschaftlichen Konsum

Herausgeberinnen: Sigrid Kannengießer und Ines Weller

Oekom Verlag

2018